Ein Jahr nach der Geburt – was ich heute anders sehe

Ein Jahr nach der Geburt meiner Tochter fühlt sich vieles gleichzeitig sehr nah und sehr weit weg an. Manche Momente aus den ersten Wochen kann ich noch genau vor mir sehen. Andere sind längst verschwommen zwischen Schlafmangel, Stillen, Wäschebergen und diesem komplett neuen Alltag.

Wenn ich heute zurückblicke, merke ich vor allem, wie viele Dinge ich damals anders gesehen habe. Nicht unbedingt falsch, aber enger, nervöser und oft mit dem Gefühl, alles richtig machen zu müssen. Ein Jahr später bin ich an vielen Stellen gelassener geworden. Nicht, weil jetzt alles leicht wäre, sondern weil ich inzwischen weiß: Vieles sortiert sich erst mit der Zeit.

Ich dachte, ich müsste irgendwann wieder „die Alte“ sein

Nach der Geburt habe ich mich oft gefragt, wann ich mich körperlich und mental wieder wie früher fühlen würde. Wann mein Körper wieder vertrauter wird, wann ich wieder mehr Energie habe, wann Sport sich wieder normal anfühlt und wann ich wieder mehr von den Dingen mache, die vor der Schwangerschaft selbstverständlich waren.

Heute glaube ich nicht mehr, dass das das richtige Ziel ist.

Ich bin nicht wieder die Person von vor der Schwangerschaft. Und inzwischen finde ich das gar nicht mehr schlimm. Mein Alltag ist ein anderer, meine Prioritäten sind andere und auch mein Blick auf mich selbst hat sich verändert.

Gerade beim Sport habe ich das deutlich gemerkt. Ich habe spürbar Kraft verloren. Gegen Ende der Schwangerschaft habe ich mich kaum noch bewegt und nach dem Kaiserschnitt brauchte mein Körper lange Zeit zur Regeneration. Früher hätte mich das sehr beschäftigt. Heute sehe ich es eher als Ausgangspunkt.

Ich muss keiner früheren Version von mir hinterherrennen.

Ich darf einfach schauen, wo ich jetzt stehe.

Die Waage ist inzwischen in die hinterste Ecke meines Schrankes verbannt, um nicht wieder in alte Denkweisen zu verfallen.

Vieles, worüber ich mir Sorgen gemacht habe, war nur eine Phase

Im ersten Jahr gibt es ständig neue Themen. Schlaf. Stillen. Essen. Entwicklung. Zahnen. Kinderwagen. Naps. Einschlafen.

Und jedes einzelne davon kann sich zeitweise so anfühlen, als würde es ab jetzt für immer so bleiben.

Tut es aber nicht.

Das ist wahrscheinlich eine der größten Lektionen aus diesem ersten Jahr: Fast alles ist eine Phase.

Manchmal eine nervige Phase. Manchmal eine sehr lange Phase. Aber trotzdem eine Phase.

Heute versuche ich deshalb weniger, jeden Zustand sofort lösen zu wollen. Natürlich überlege ich weiterhin, was wir verändern können, wenn etwas nicht funktioniert. Aber ich gerate nicht mehr ganz so schnell in dieses Gefühl von: Oh Gott, das ist jetzt unser Leben.

Ich brauche nicht zu jedem Thema eine Meinung

Als frischgebackene Mutter bekommt man unglaublich viele Informationen. Und noch mehr Meinungen.

Stillen, Flasche, Schlafbegleitung, Familienbett, Beikost, Kinderwagen, Trage, Kita, Bildschirmzeit. Zu wirklich allem findet man Menschen, die genau wissen, wie man es machen sollte.

Am Anfang hat mich das viel stärker beschäftigt. Ich wollte wissen, was „richtig“ ist.

Heute denke ich viel öfter: Was funktioniert für uns?

Das klingt banal, aber für mich war das tatsächlich ein Prozess.

Ich muss eine Entscheidung nicht verteidigen, nur weil eine andere Familie etwas anders macht. Und eine andere Mutter macht nicht automatisch etwas falsch, nur weil ihre Lösung für mich nicht passen würde.

Gerade online wünsche ich mir inzwischen manchmal etwas weniger Urteil und etwas mehr Neugier füreinander.

Selbstfürsorge ist nicht automatisch ein Spa-Tag

Vor der Geburt hätte ich bei Selbstfürsorge wahrscheinlich an Yoga, Wellness oder einen entspannten Nachmittag im Café gedacht.

Heute kann Selbstfürsorge auch bedeuten, früh ins Bett zu gehen.

Oder alleine eine Yogastunde zu besuchen, während Papa mit dem Baby spazieren geht.

Oder eine halbe Stunde zu häkeln.

Oder nicht noch schnell die Küche aufzuräumen, sondern einfach alles liegen lassen und kurz entspannen.

Ich glaube, ich habe gelernt, Selbstfürsorge etwas realistischer zu sehen. Gerade mit einem kleinen Kind sind es oft keine großen Auszeiten. Es sind kleine Inseln.

Und die zählen trotzdem.

Sport darf wieder Spaß sein

Einer der schönsten Momente für mich war meine erste richtige Yogastunde nach der Geburt.

Ich war vorher schon beim Postnatal-Yoga mit Baby gewesen, aber dort lag der Fokus natürlich noch sehr auf Rückbildung und dem behutsamen Wiederaufbau. Die erste Stunde ganz alleine fühlte sich deshalb anders an.

Ich hatte Sorge, dass ich überhaupt nicht mehr mitkomme.

Und dann war es einfach schön.

Ich war deutlich schwächer als früher, aber das störte mich plötzlich viel weniger, als ich erwartet hatte.

Vielleicht weil Sport für mich gerade nicht bedeutet, möglichst schnell wieder irgendeinen früheren Zustand herzustellen. Ich möchte mich bewegen, weil ich mich danach besser fühle.

Kraft darf wiederkommen. Kondition darf wiederkommen.

Aber sie müssen nicht morgen wieder da sein.

Mein Leben darf weiterhin aus mehr als Mamasein bestehen

Dieser Punkt war mir eigentlich schon immer wichtig. Trotzdem musste ich erst lernen, wie schwer es manchmal sein kann, ihn im Alltag umzusetzen.

Natürlich bin ich Mutter. Und natürlich nimmt diese Rolle unglaublich viel Raum ein.

Aber ich bin auch weiterhin jemand, der gern reist, Yoga macht, läuft, Kuchen isst, liest, häkelt und neue Dinge ausprobiert.

Diese Interessen wirken heute manchmal anders als früher. Reisen mit Baby ist nicht dasselbe wie Reisen zu zweit. Sport muss anders geplant werden. Hobbys finden häufiger in kleinen Zeitfenstern statt.

Aber sie sind noch da.

Und ich glaube inzwischen sogar, dass es mir guttut, sie bewusst zu behalten.

Ich muss nicht jeden Moment genießen

„Genieß es, sie sind nur einmal so klein.“

Diesen Satz hört man als Mutter wahrscheinlich hundertmal.

Und ja, natürlich gibt es unglaublich schöne Momente. Kleine Hände. Dieses Lachen. Einschlafen auf dem Arm. Die ersten Schritte in Richtung Selbstständigkeit.

Aber es gibt eben auch Nächte, in denen man einfach schlafen möchte. Tage, an denen man keine Geduld mehr hat. Abende, an denen Einschlafbegleitung nicht romantisch, sondern einfach anstrengend ist.

Ich finde inzwischen, dass beides gleichzeitig wahr sein darf.

Ich kann mein Kind über alles lieben und trotzdem einen Tag richtig anstrengend finden.

Ich muss nicht jeden einzelnen Moment bewusst genießen, um dankbar für dieses Leben zu sein.

Ich bin gelassener geworden – zumindest manchmal

Vielleicht ist das mein größter Unterschied zu vor einem Jahr.

Nicht, dass ich jetzt alles weiß.

Ganz im Gegenteil.

Aber ich habe inzwischen erlebt, dass wir Probleme lösen können. Dass schwierige Phasen vorbeigehen. Dass meine Tochter sich entwickelt, auch wenn ich nicht jeden Entwicklungsschritt optimiere.

Und dass ich Fehler machen darf.

Es gibt Tage, an denen ich trotzdem alles zerdenke.

Aber inzwischen gibt es auch immer häufiger diesen Gedanken:

Wir werden schon herausfinden, was für uns funktioniert.

Ein Jahr später

Wenn ich heute auf dieses erste Jahr zurückblicke, sehe ich nicht nur, wie sehr meine Tochter sich verändert hat.

Ich sehe auch, wie sehr ich mich verändert habe.

Ich bin müder als früher. Wahrscheinlich unorganisierter. Körperlich noch nicht wieder da, wo ich einmal war.

Aber ich bin auch geduldiger geworden. Prag­matischer. Weniger interessiert daran, alles perfekt zu machen.

Und vielleicht ein bisschen besser darin, zu akzeptieren, dass Leben nicht immer optimiert werden muss.

Ein Jahr nach der Geburt möchte ich deshalb gar nicht zurück.

Ich möchte sehen, was als Nächstes kommt.

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