Über Elterngeld, Einschlafbegleitung, „Früher ging das doch auch“ – und darüber, warum wir dringend aufhören sollten, Mutterschaft als Wettbewerb um die größte Selbstaufgabe zu behandeln.
Seit ich Mutter bin, ist mir etwas aufgefallen: Es gibt erstaunlich wenige Entscheidungen, die man als Mutter treffen kann, ohne dass irgendjemand sie falsch findet.
Stillst du lange, klammert das Kind angeblich zu sehr. Stillst du früh ab, hast du nicht lange genug durchgehalten. Geht dein Kind früh in die Kita, wird gefragt, warum man überhaupt Kinder bekommt, wenn man sie dann abgibt. Bleibt es lange zu Hause, kommt die Frage, ob es nicht langsam andere Kinder und mehr Förderung bräuchte.
Du kannst Brei füttern oder Baby-led Weaning machen, Familienbett oder eigenes Bett wählen, Stoffwindeln oder Wegwerfwindeln benutzen, arbeiten oder länger zu Hause bleiben. Irgendwo wartet garantiert jemand darauf, dir zu erklären, warum deine Entscheidung falsch ist.
Besonders irritierend finde ich: Häufig kommt diese Kritik von anderen Müttern.
Also von Menschen, die eigentlich wissen müssten, wie komplex das Leben mit Kind ist. Die selbst Nächte mit wenig Schlaf erlebt, Entscheidungen hinterfragt und wahrscheinlich mehr als einmal improvisiert haben.
Für dieses gegenseitige Bewerten fällt schnell das Wort „Müttermafia“. Ich meine damit keine bestimmte Gruppe von Müttern, sondern diesen Druck, der entsteht, wenn aus persönlichen Entscheidungen allgemeine Maßstäbe für gute Mutterschaft werden.
Warum sind wir so hart miteinander?
In den letzten Tagen sind mir dazu zwei Diskussionen im Internet begegnet.
„Dann muss man eben seinen Lebensstandard senken“
In Deutschland wird gerade über Kürzungen beim Elterngeld diskutiert. Entsprechend findet man online viele Beiträge von Eltern, die darüber enttäuscht oder besorgt sind.
Und darunter immer wieder Kommentare, häufig von Frauen einer älteren Generation:
Früher gab es schließlich auch kein Elterngeld.
Dann muss man seinen Lebensstandard eben ein bisschen senken.
Wer ein Kind bekommt, muss Prioritäten setzen.
Dieser letzte Satz ist bei mir hängen geblieben.
Man muss eben Prioritäten setzen.
Natürlich muss man das.
Kinder kosten Geld. Kinder kosten Zeit. Und spätestens wenn ein kleiner Mensch in unser Leben kommt, verändern sich Prioritäten ganz automatisch.
Ich kann nicht mehr jeden Abend spontan entscheiden, noch irgendwohin zu gehen. Reisen sehen anders aus. Mein Tagesablauf richtet sich nicht mehr ausschließlich danach, was für mich praktisch ist. Es gibt plötzlich einen kleinen Menschen, dessen Bedürfnisse sehr häufig wichtiger sind als meine eigenen.
Das wusste ich, bevor ich Mutter wurde.
Aber warum folgt daraus eigentlich, dass ich meine eigenen Bedürfnisse nicht mehr wichtig finden darf?
Warum wird aus „Kinder verändern Prioritäten“ so schnell „Deine bisherigen Prioritäten dürfen keine Rolle mehr spielen“?
Ich bin Mutter. Aber ich bin nicht nur Mutter.
Vielleicht stört mich der Satz deshalb so sehr.
Ich liebe meine Tochter. Und trotzdem habe ich Hobbys.
Ich möchte Sport machen. Ich möchte reisen. Ich möchte Freundinnen treffen. Ich möchte essen gehen. Ich möchte berufliche Ziele verfolgen. Ich möchte Dinge lernen. Ich möchte manchmal Geld für etwas ausgeben, das weder pädagogisch wertvoll noch für mein Kind bestimmt ist.
Ich möchte Dinge tun, die ausschließlich mir Freude machen.
Und nichts davon macht meine Tochter weniger wichtig.
Seit wann ist gute Mutterschaft eigentlich daran gekoppelt, wie vollständig eine Frau bereit ist, sich selbst zurückzustellen?
Natürlich verzichte ich auf Dinge. Wahrscheinlich tut das fast jedes Elternteil. Manches passt gerade nicht in unseren Alltag, manches ist finanziell nicht drin und manches ist mir tatsächlich schlicht weniger wichtig geworden.
Aber das ist etwas völlig anderes als die Vorstellung, ich müsse mich über jeden weiteren Verzicht freuen, weil ich schließlich Mutter geworden bin.
Wenn Eltern sagen, dass eine Kürzung des Elterngeldes ihre Familie belastet, ist „Dann senkt eben euren Lebensstandard“ deshalb keine besonders hilfreiche Antwort.
Denn was genau ist dieser Lebensstandard?
Ist es die größere Wohnung, damit das Kind ein Zimmer hat?
Ein Urlaub?
Der Yogakurs der Mutter?
Der Sportverein des Vaters?
Ein Restaurantbesuch?
Die Altersvorsorge?
Die Möglichkeit, nicht jeden Einkauf durchrechnen zu müssen?
Natürlich gibt es Luxus. Und natürlich können viele von uns an verschiedenen Stellen sparen.
Aber warum muss man Eltern erst möglichst viel wegnehmen, bevor sie sich Unterstützung verdient haben?
„Früher gab es das auch nicht“ ist kein Argument
Noch seltsamer finde ich das Argument, dass es bestimmte Leistungen früher schließlich auch nicht gegeben habe.
Das stimmt.
Viele Dinge gab es früher nicht.
Aber gesellschaftlicher Fortschritt besteht doch gerade darin, Rahmenbedingungen zu verbessern.
Dass eine vorherige Generation ohne eine bestimmte Unterstützung ausgekommen ist, beweist nicht, dass diese Unterstützung unnötig ist.
Vor allem verändert sich Gesellschaft.
Erwerbsbiografien verändern sich. Familienmodelle verändern sich. Wohnkosten verändern sich. Die Erwartungen an Väter und Mütter verändern sich. Die Arbeitswelt verändert sich. Betreuungssituationen verändern sich.
Man kann die Lebensrealität einer Familie im Jahr 2026 nicht einfach neben die einer Familie von 1986 legen und anschließend feststellen:
Wir haben es doch auch geschafft.
Natürlich habt ihr das.
Und vielleicht war vieles sogar wunderbar.
Aber das bedeutet nicht automatisch, dass wir es heute genauso machen müssen.
Und dann kam die Babyschale auf der Party
Fast zeitgleich las ich eine völlig andere Diskussion.
Diesmal ging es um Einschlafbegleitung.
Eine Mutter beschrieb ihren Alltag und die teilweise aufwendige Begleitung ihres Kindes beim Einschlafen.
Darunter kommentierte eine Frau aus einer älteren Generation sinngemäß:
Früher habe man die Babys auf Partys einfach alle nebeneinander in ihren Babyschalen in einen Raum gestellt. Die Kinder hätten geschlafen und die Eltern hätten gefeiert. Die heutige Elterngeneration solle nicht immer so ein „Tamtam“ um alles machen.
Ich musste über diesen Kommentar länger nachdenken.
Denn zunächst einmal: Das kann vollkommen stimmen.
Vielleicht war das tatsächlich ihre Erfahrung. Vielleicht lagen dort fünf Babys friedlich nebeneinander, während ihre Eltern nebenan einen fantastischen Abend hatten.
Wie schön für sie.
Wirklich.
Nur ergibt sich daraus überhaupt keine Aussage darüber, wie ein anderes Baby vierzig Jahre später einschläft.
Kinder waren auch früher unterschiedlich
Manche Babys kann man hinlegen und sie schlafen.
Andere brauchen Körperkontakt.
Manche schlafen überall.
Andere werden wach, sobald irgendwo eine Bodendiele knarzt.
Manche schlafen im Kinderwagen, manche in der Trage, manche ausschließlich neben einem Elternteil und manche erstaunlich früh problemlos allein.
Diese Unterschiede wurden nicht irgendwann im Jahr 2015 erfunden.
Auch früher gab es Kinder, die schlecht schliefen. Es gab Babys, die viel getragen werden wollten. Kinder, die nachts ständig aufwachten. Kleinkinder, die nicht allein einschlafen wollten.
Vielleicht wurde anders damit umgegangen.
Vielleicht wurde weniger darüber gesprochen.
Vielleicht waren die Empfehlungen andere.
Und vielleicht erinnern wir uns nach mehreren Jahrzehnten auch nicht mehr an jede einzelne anstrengende Nacht.
Aber Kinder hatten schon immer unterschiedliche Temperamente und Bedürfnisse.
Neues Wissen ist kein „Tamtam“
Dazu kommt etwas anderes.
Wir wissen heute manches, was frühere Generationen nicht wussten.
Empfehlungen verändern sich.
Ein Baby längere Zeit unbeaufsichtigt in einer Babyschale schlafen zu lassen, würde beispielsweise heute nicht als ideale Schlafumgebung empfohlen werden. Das heißt nicht, dass Eltern früher bewusst etwas Gefährliches gemacht haben.
Sie haben mit dem Wissen gehandelt, das ihnen zur Verfügung stand.
Genau wie wir heute.
Ich finde diesen Unterschied wichtig.
Denn neue Empfehlungen sind keine nachträgliche Anklage gegen frühere Eltern.
Wenn wir heute wissen, dass etwas sicherer oder günstiger für die Entwicklung eines Kindes ist, bedeutet das nicht automatisch:
„Ihr habt es damals falsch gemacht.“
Es bedeutet:
„Wir wissen heute mehr.“
In dreißig Jahren wird meine Tochter vielleicht Dinge über Kinder wissen, die ich heute nicht weiß. Und ich hoffe sehr, dass meine Reaktion darauf nicht sein wird:
Also bei dir haben wir das damals anders gemacht und du lebst schließlich auch noch.
Das vielleicht schlechteste Argument der Elternwelt
Überhaupt begegnet mir diese Logik erstaunlich oft:
Wir haben das so gemacht und unsere Kinder sind auch groß geworden.
Das ist natürlich wahr.
Nur ist „groß geworden“ ein ziemlich niedriger Maßstab für Elternschaft.
Die meisten Menschen meiner Generation sind groß geworden. Das bedeutet nicht, dass jede damalige Empfehlung optimal war und jede heutige Erkenntnis überflüssig ist.
Und gleichzeitig bedeutet es nicht, dass heutige Eltern alles perfekt machen müssen.
Das ist nämlich die andere Seite des Problems.
Heute können wir es nämlich auch ziemlich gut
Es wäre sehr bequem, daraus jetzt einen Text über „die bösen Boomer-Mütter“ und „uns verständnisvolle moderne Eltern“ zu machen.
Nur stimmt das nicht.
Unsere Generation kann andere Mütter mindestens genauso hervorragend verurteilen.
Unsere Themen heißen nur anders.
Stillen oder Flasche.
Baby-led Weaning oder Brei.
Familienbett oder eigenes Bett.
Trage oder Kinderwagen.
Kita oder Betreuung zu Hause.
Zucker.
Bildschirmzeit.
Plastikspielzeug.
Medien.
Erziehung.
Einschlafbegleitung.
Windelfrei.
Bio-Lebensmittel.
Und wehe, irgendwo steht ein Lauflernwagen herum.
Social Media hat daraus teilweise eine regelrechte Disziplin gemacht.
Aus persönlichen Entscheidungen werden dort erstaunlich schnell moralische Kategorien.
Nicht mehr:
„Für unsere Familie funktioniert das gut.“
Sondern:
„Informierte Eltern machen das so.“
Und damit lautet die unausgesprochene Fortsetzung:
Wer es anders macht, hat sich entweder nicht ausreichend informiert oder nimmt die Bedürfnisse seines Kindes nicht ernst genug.
Das ist genauso unfair.
Vielleicht verteidigen wir manchmal eigentlich uns selbst
Ich frage mich deshalb, ob hinter manchen dieser Kommentare etwas ganz Menschliches steckt.
Elternschaft verlangt ununterbrochen Entscheidungen, obwohl wir bei vielen davon nie erfahren werden, wie die Alternative ausgegangen wäre.
War die frühe Kita richtig?
Hätte ich länger stillen sollen?
War es gut, das Kind im Familienbett schlafen zu lassen?
Hätte ich früher wieder arbeiten sollen?
War ich zu streng?
Zu nachgiebig?
Hätte ich mehr Zeit mit meinem Kind verbringen sollen?
Wir können unser Leben nicht zweimal leben und anschließend die Ergebnisse vergleichen.
Das macht Entscheidungen unsicher.
Und dann begegnen wir einer anderen Mutter, die es komplett anders macht.
Wir könnten denken:
Interessant. Für sie funktioniert offenbar ein anderer Weg.
Aber manchmal fühlt sich die andere Entscheidung unbewusst wie eine Bewertung unserer eigenen an.
Wenn ich überzeugt bin, dass ein Kind drei Jahre zu Hause bleiben sollte und eine andere Mutter ihr Kind mit einem Jahr in die Kita gibt, könnte ich mich fragen, ob mein eigener Verzicht wirklich notwendig war.
Es ist emotional wesentlich angenehmer, zu entscheiden:
Sie macht es falsch.
Dann bleibt meine eigene Entscheidung unangetastet.
Vielleicht steckt hinter manchen besonders vehementen Urteilen deshalb weniger Überlegenheit, als es zunächst wirkt.
Vielleicht steckt manchmal Unsicherheit dahinter.
Das unmögliche Ideal der guten Mutter
Dazu kommt ein gesellschaftliches Mutterbild, bei dem man eigentlich nur scheitern kann.
Eine gute Mutter soll ihre Kinder an erste Stelle setzen.
Aber sie soll sich dabei nicht selbst verlieren.
Sie soll möglichst lange stillen.
Aber das Kind soll natürlich trotzdem früh unabhängig werden.
Sie soll berufstätig sein und ihren Kindern ein modernes Frauenbild vorleben.
Aber bitte nicht so viel arbeiten, dass andere Menschen ihre Kinder betreuen.
Sie soll gesund kochen.
Aber keinen unnötigen Stress ums Essen machen.
Sie soll auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen.
Aber bloß kein „Tamtam“ veranstalten.
Sie soll sich informieren.
Aber nicht alles zerdenken.
Sie soll Zeit für sich nehmen.
Aber wenn der Vater am Wochenende Sport macht und sie das Kind betreut, fragt jemand, wann sie denn endlich Zeit für sich bekommt – als müsste jede Stunde familiärer Arbeit exakt gegengerechnet werden.
Und natürlich soll sie das alles möglichst entspannt machen.
Ich weiß nicht, wie diese Frau aussehen soll.
Aber ich bin es jedenfalls nicht.
Und vermutlich kenne ich sie auch nicht.
Prioritäten sind keine Rangliste mit nur einem Platz
Vielleicht sollten wir auch anders über Prioritäten sprechen.
Meine Tochter kann eine meiner allergrößten Prioritäten sein und trotzdem dürfen andere Dinge wichtig bleiben.
Prioritäten sind keine Castingshow, bei der nur Platz eins weiterkommt.
Ich darf Mutter sein und Partnerin.
Mutter und Freundin.
Mutter und Sportlerin.
Mutter und Reisende.
Mutter und jemand, der manchmal einfach auf dem Sofa sitzen und fernsehen möchte.
Diese Identitäten konkurrieren nicht zwangsläufig miteinander.
Im Gegenteil: Ich möchte meiner Tochter irgendwann auch vorleben, dass Fürsorge für andere nicht bedeutet, dass man selbst verschwindet.
Dass sie Beziehungen haben darf, ohne sich darin aufzulösen.
Dass sie ehrgeizig sein darf.
Dass sie Hobbys haben darf.
Dass sie Mutter werden darf, wenn sie das möchte und trotzdem weiterhin sie selbst sein kann.
Wie soll ich ihr das glaubwürdig vermitteln, wenn ich Mutterschaft selbst als möglichst vollständige Selbstaufgabe definiere?
Vielleicht brauchen wir weniger „Man muss …“
Was mir inzwischen bei vielen Elterndiskussionen auffällt, sind diese absoluten Formulierungen.
Man muss.
Ein Kind braucht.
Eine gute Mutter würde.
Also bei uns war das nie ein Problem.
Vielleicht könnten wir häufiger sagen:
„Bei uns hat das funktioniert.“
Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied mit ziemlich großer Wirkung.
„Wir haben unsere Babys damals auf Partys schlafen lassen und das hat bei uns super funktioniert.“
Okay.
Interessante Erfahrung.
„Wir haben damals kein Elterngeld bekommen und mussten finanziell stärker zurückstecken.“
Auch okay.
Das darf man erzählen.
Aber daraus muss nicht folgen:
„Deshalb solltest du es genauso machen.“
Meine Entscheidung macht deine Vergangenheit nicht falsch.
Und deine Vergangenheit muss nicht meine Gegenwart bestimmen.
Wir kennen den ganzen Kontext fast nie
Gerade online urteilen wir außerdem über winzige Ausschnitte eines Lebens.
Wir sehen einen Beitrag über Einschlafbegleitung und wissen nichts darüber, wie dieses Kind den Rest des Tages schläft.
Wir sehen eine Mutter, die nach zwölf Monaten wieder Vollzeit arbeitet, und kennen ihre finanzielle Situation nicht.
Wir sehen eine Mutter, die drei Jahre zu Hause bleibt, und kennen ihre Gründe nicht.
Wir sehen ein Kind mit einem Tablet im Restaurant und wissen nicht, ob die Familie gerade einen zehnstündigen Reisetag hinter sich hat.
Wir sehen einen Kinderwagen voller Snacks, Plastikspielzeug oder Dinge, die wir selbst niemals kaufen würden.
Und innerhalb von Sekunden entsteht ein Urteil.
Dabei fehlt uns fast die gesamte Geschichte.
Vielleicht dürfen wir einander einfach glauben
Vielleicht wäre das ein guter Anfang:
Wenn eine Mutter sagt, dass etwas für sie schwierig ist, müssen wir ihr nicht sofort erklären, warum es eigentlich ganz einfach wäre.
Wenn sie sagt, dass sie die Kürzung einer Familienleistung belastet, müssen wir nicht ihre Ausgaben analysieren.
Wenn sie sagt, dass ihr Kind lange Einschlafbegleitung braucht, müssen wir nicht erzählen, dass unseres einfach hingelegt wurde.
Wenn sie sagt, dass sie gerne wieder Sport machen würde, müssen wir nicht entscheiden, ob sie dafür als Mutter genug Zeit „verdient“ hat.
Manchmal können wir einfach glauben:
Für diese Familie ist das gerade schwierig.
Ohne sofort einen Vergleich mit unserem eigenen Leben anzustellen.
An die Mütter vor uns und an uns selbst
Ich möchte frühere Generationen dabei ausdrücklich nicht gegen heutige Mütter ausspielen.
Im Gegenteil.
Viele Frauen vor uns haben unter Bedingungen Kinder großgezogen, die ich mir heute kaum vorstellen möchte. Weniger Unterstützung, andere gesellschaftliche Erwartungen, häufig eine noch viel selbstverständlichere Aufteilung der Care-Arbeit.
Das verdient Anerkennung.
Aber Anerkennung funktioniert in beide Richtungen.
Wir müssen ihre Entscheidungen nicht abwerten, um unsere anders treffen zu dürfen.
Und sie müssen unsere heutigen Möglichkeiten nicht kleinreden, damit ihre damaligen Leistungen zählen.
Vielleicht war das Baby damals tatsächlich glücklich in seiner Babyschale auf der Party.
Vielleicht braucht mein Kind heute eine Stunde Einschlafbegleitung.
Beides kann wahr sein.
Vielleicht hat eine Mutter früher mehrere Jahre beruflich pausiert.
Vielleicht möchte eine andere heute nach einem Jahr wieder arbeiten.
Beides kann eine gute Entscheidung sein.
Vielleicht hat eine Familie ihren Lebensstandard nach der Geburt drastisch reduziert.
Eine andere möchte das nicht oder kann es nicht.
Auch daraus lässt sich nicht ablesen, wer sein Kind mehr liebt.
Wir brauchen mehr Verständnis zwischen Müttern
Je länger ich Mutter bin, desto weniger Lust habe ich auf die Frage, wer es richtig macht.
Ich wünsche mir viel mehr Neugier darauf, warum Menschen Dinge unterschiedlich machen.
Vielleicht könnten wir eine andere Mutter häufiger fragen:
„Wie funktioniert das für euch?“
statt zu sagen:
„Also wir haben das ganz anders gemacht.“
Vielleicht könnten Frauen meiner Generation anerkennen, dass frühere Mütter mit dem Wissen und den Möglichkeiten ihrer Zeit Entscheidungen getroffen haben, ohne sie ständig rückwirkend zu beurteilen.
Und vielleicht könnten Mütter älterer Generationen akzeptieren, dass wir manches heute anders machen, ohne darin eine Kritik an ihrer eigenen Mutterschaft zu sehen.
Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir aufhören, Selbstaufgabe mit guter Mutterschaft zu verwechseln.
Ich möchte nicht die beste Mutter im Internet sein.
Ich möchte auch nicht beweisen, dass mein Weg der richtige ist.
Ich möchte für meine Tochter eine gute Mutter sein – in unserer Familie, unter unseren Umständen, mit meiner Persönlichkeit und ihren Bedürfnissen.
Und ich möchte dabei weiterhin ein eigener Mensch bleiben.
Vielleicht reicht das vollkommen.
Denn am Ende wissen vermutlich fast alle Mütter, wie es sich anfühlt, nachts wachzuliegen und sich zu fragen, ob man etwas richtig macht. Wie es ist, müde zu sein. Wie sehr man sein Kind lieben und gleichzeitig dringend eine Pause brauchen kann. Wie viel Verantwortung plötzlich auf den eigenen Schultern liegt.
Eigentlich haben wir also ziemlich viel gemeinsam.
Es wäre schön, wenn wir uns genau daran häufiger erinnern würden – über Generationen, Erziehungsstile und Lebensmodelle hinweg.
Wir müssen nicht alle gleich stillen, schlafen, arbeiten, betreuen, füttern, reisen oder erziehen.
Aber wir könnten einander etwas öfter zugestehen:
Du kennst dein Kind. Ich kenne meines. Du kennst dein Leben. Ich kenne meines. Und wir dürfen beide versuchen, unseren eigenen Weg darin zu finden.
Vielleicht wäre ein bisschen weniger Urteil und ein bisschen mehr Verständnis füreinander am Ende eine der besten Formen von Unterstützung, die Mütter einander geben können.